Anna Nestrenko

Das FEZ verbindet uns

Portrait von Eva-Lena Lörzer

Mohammad Mahmood und Ramadan Alzaher sind beide aus Syrien nach Berlin geflohen. Dort sind sie durch Zufall erst in der gleichen Notunterkunft und später im gleichen Wohnheim untergebracht worden. Ihre Hintergründe könnten nicht unterschiedlicher sein. Durch die gemeinsame Ausbildung zum Rettungsschwimmer aber sind sie unzertrennlich geworden.

 

Mohammad Mahmood und Ramadan Alzaher im Café Alfons

An einem Dienstagnachmittag  sitzen Mohammad Mahmood und Ramadan Alzaher im Café Alfons neben der Schwimmhalle des FEZ und trinken einen Kaffee. Am Vormittag hatten sie bereits zwei Stunden Deutschunterricht, anschließend haben die beiden drei Stunden trainiert. Jetzt sind sie müde.  Nach einer kurzen Pause geht es gleich weiter: Mohammad Mahmood will sich Zuhause noch über sein Vokabelheft beugen, Ramadan Alzaher noch ans andere Ende der Stadt fahren, um seinen Deutschkurs zu besuchen.

Die beiden lachen darüber, dass sie erst Nachts Zuhause zum Essen kommen. „Wir sind einfach nur dankbar, den Ausbildungsplatz bekommen zu haben“, sagt Mohammad Mahmood. Dass einer von beiden für den anderen spricht, ist nichts Ungewöhnliches: Die zwei sind beste Freunde geworden. Nach ihrer Flucht sind die beiden Syrer in Berlin erst zufällig in der gleichen Notunterkunft und später im gleichen Wohnheim untergebracht worden. Dort haben sie unabhängig voneinander die Ausschreibung des FEZ entdeckt.

 

"... Auf dem Schlauchboot während der Flucht habe ich mich so hilflos gefühlt..."

Mohammad Mahmood lacht: „Ich dachte erst, da könnte ich Wasserball spielen. Aber Rettungsschwimmer ist auch gut. Mein Onkel und mein Neffe sind Rettungsschwimmer. Als Kind  wollte ich auch einer werden.“ Er zückt sein Handy und zeigt einen Videoclip von sich als 15-Jähriger beim Brustschwimmen: Auf 50 Meter machte er den zweiten Platz landesweit. Alzaher guckt nachdenklich. „Ich bin froh darüber, retten lernen zu dürfen. Auf dem Schlauchboot während der Flucht habe ich mich so hilflos gefühlt: Da war eine Frau mit einem Neugeborenen und ich dachte nur: Was, wenn Wasser ins Boot kommt?“

Dass die beiden in den vergangenen Monaten während ihrer gemeinsamen Ausbildung im FEZ so gute Freunde geworden sind, ist nicht selbstverständlich. Ihre Hintergründe könnten nicht unterschiedlicher sein: Mohammad Mahmood hat vor seiner Flucht in seiner Geburtsstadt Deerzwer Informatik studiert. Als an seiner  Universität immer mehr Menschen verschwanden, politisierte er sich: Der 22-Jährige begann, regierungskritische Flyer zu verteilen und politische Sprüche an Wände zu schreiben. Aus Angst zog er zunächst in einen regierungskritischen Bezirk und schlug sich als Fotograf durch. Als der IS 2015 in Mahmoods Stadt kam, flüchtete er gemeinsam mit seiner Mutter, seiner Schwester und seinem Bruder in die Türkei.

"... Ich wurde immer zur Reparatur mitgenommen..."

Ramadan Alzaher ist in Ar-Raqqa geboren und hat als Zwölfjähriger eine Ausbildung zum Automechaniker gemacht: „Der alte Mazda meines Vaters war immer kaputt und ich musste zusehen, wie sehr er darunter gelitten hat. Ich wurde immer zur Reparatur mitgenommen und habe mich dabei so in die Arbeit verliebt, dass ich nicht mehr in die Schule wollte.“ Bis die Bomben des Assad-Regimes mehr und mehr Wohnhäuser in seiner Siedlung trafen, war Politik für den 24-jährigen Automechaniker etwas Abstraktes, was ihn nicht betraf. Nachdem der IS in die 200.000-Einwohnerstadt kam und sein Zwillingsbruder in die Armee eingezogen wurde, ergriff er gemeinsam mit seinen Eltern und fünf seiner sieben Geschwister die Flucht.

Beide Männer schlugen sich mit ihren Familien nachts im Dunklen am Grenzübergang in die Türkei durch. Mahmood lebte erst einmal zwei Monate in der kleinen türkischen Stadt Gazi Antep, Alzaher lernte bereits nach wenigen Tagen auf einem öffentlichen Platz an der türkischen Grenze einen Schmuggler kennen, der ihm gegen eine Gebühr von 2000 Euro einen Platz auf einem Schlauchboot gen Griechenland garantierte.

Dort angekommen wurden beide Männer in einen Bus gen Norden gesetzt und passierten alle Grenzen bis Deutschland, ohne dass ihre Fingerabdrücke genommen wurden: Mohammad Mahmood im September per Auto, Zug und Bus über Mazedonien und Serbien, Ramadan Alzaher Anfang Oktober über Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich. „Ab Kroatien musste ich die Busse nicht mehr zahlen, sondern bin mit anderen Geflüchteten über die Grenzen gebracht worden wie eine Reisegruppe“, erzählt Alzaher.

"... Wow, okay, hier ist alles 360 Grad anders"

Über die Situation in Syrien zu reden fällt ihnen schwer. Die beiden  versuchen, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Manchmal aber werden sie in der neuen Umgebung abrupt an ihre Vergangenheit erinnert: Von dem Geräusch des Milchschäumers der Kaffeemaschine im Café Alfons zum Beispiel. „Der klingt wie eine Rakete“, sagt Alzaher und bemüht sich zu lächeln.
Ihr neues Leben in Berlin gefällt ihnen. „Am Anfang dachte ich: Wow, okay, hier ist alles 360 Grad anders“, erzählt Alzaher.

Mittlerweile schätzen die beiden genau das: „Hier sieht man eine Vielfalt. Die Menschen sind frei und können nach ihrer eigenen Façon leben“, sagt Mahmood und fügt hinzu: „Mir gefällt hier bisher alles, nur die Bürokratie nervt.“ Der Azubi hat eine Wohnung in Marzahn gefunden und möchte gerne aus seinem Charlottenburger Wohnheim ausziehen. Das Jobcenter Charlottenburg aber verlangt ein Papier vom Jobcenter Marzahn, das ihn wiederum auf die Zuständigkeit des Jobcenters Charlottenburg verweist.

"Uns fehlen Deutsche zum Sprechen"

Nicht verstehen zu können, was um sie herum passiert, macht die beiden hilflos. In der S-Bahn versuchen sie zu raten, was die Menschen um sie herum sagen. Alzaher tippt Satzfetzen in sein Smartphone. Doch das, was Google Translate auf Arabisch ausspuckt, ergibt keinen Sinn. „Uns fehlen Deutsche zum Sprechen“, sagt Mahmood. Alzaher nickt. Er hat seit ein paar Wochen eine eigene Wohnung. Von seinen Nachbarn aber hat er noch nichts mitbekommen: „Die schlafen vermutlich bereits, wenn ich vom Deutschunterricht komme“, sagt er lachend.

„Zwischen Training und Deutschunterricht kommen wir nicht viel unter Deutsche und im Wasser können wir nicht sprechen“, sagt Mahmood. Es klingt, als wolle er entschuldigen, dass die beiden noch nicht ohne die Hilfe eines Übersetzers über ihr Leben erzählen können. „Bald aber“, sagt er. „Wir sind dran“, pflichtet Alzaher ihm bei. Die beiden beginnen ein Gespräch auf Arabisch. „Wir reden über unseren Tag“, erklärt Mahmood. „Unser Hauptthema: das FEZ."